Kosten & Budget

Branding, Corporate Design, Brand Identity, Rebranding: Was ist eigentlich was?

Die kurze Antwort vorweg, weil sie unbequem ist: Es gibt keine verbindlichen Definitionen. Die Branche benutzt Branding, Corporate Identity, Corporate Design, Brand Design, Identity Design, Brand Identity Design, Experience Design, Rebranding, Redesign und Markenrelaunch täglich — und meint damit von Anbieter zu Anbieter verschiedene Dinge. Kein Normungsinstitut, kein Berufsverband, kein Lehrbuch hat sich durchgesetzt.

Das ist keine Behauptung, sondern belegbar. Und es hat eine praktische Konsequenz, die am Ende dieses Artikels steht: Wer Markenarbeit einkauft, darf sich nie auf ein Begriffs-Etikett verlassen — jedes Projekt braucht zu Beginn eine individuelle Definition dessen, was gemeint ist. Dieser Artikel bringt so viel Ordnung ins Chaos, wie ehrlich möglich ist, und gibt Ihnen das Werkzeug für den Rest.

Der Beweis: Die Branche widerspricht sich selbst

Drei Beispiele aus rankenden deutschen Quellen — also genau den Texten, die Sie bei Ihrer Recherche finden:

Beispiel 1: Was ist ein Rebranding, was ein Markenrelaunch? Eine bekannte Marken-Wissensplattform definiert: Rebranding sei die optische Anpassung — Logo, Farben, Design —, der Markenrelaunch dagegen die tiefe strategische Neuausrichtung. Eine der renommiertesten deutschen Markenberatungen definiert in ihrem Glossar exakt andersherum: Der Markenrelaunch sei die Repositionierung auf Basis überarbeiteter Strategie — während im allgemeinen Sprachgebrauch „Rebranding" meist den großen, strategischen Umbau meint. Dieselben zwei Wörter, vertauschte Bedeutungen.

Beispiel 2: Ist Branding Strategie oder Design? Manche Studios stellen in ihren FAQ klar, Branding sei keine Designleistung, sondern ein strategischer Prozess. Der Rest des Marktes verkauft unter „Branding-Paket" Logos mit Visitenkarten. Beide benutzen dasselbe Wort — für Produkte, die sich im Preis um den Faktor zehn unterscheiden.

Beispiel 3: Corporate Design = Branding? Eine der größten europäischen Agenturplattformen schreibt, Corporate Design werde auch als grafisches Branding oder visuelle Identität bezeichnet — und rührt damit drei Begriffe in einen Satz, die anderswo drei verschiedene Leistungsstufen bezeichnen.

Dazu kommt die englisch-deutsche Doppelung: Brand Identity, Visual Identity, Identity Design, Brand Identity Design und Brand Design überlappen sich untereinander und mit Corporate Design — teils synonym, teils mit feinen Unterschieden, je nachdem, wen Sie fragen. Und mit Brand Experience Design und Experience Design kommen Begriffe hinzu, die mal das Erlebnis an allen Kontaktpunkten, mal nur digitales Produktdesign meinen.

Warum das Chaos existiert — und wem es nützt

Drei Gründe, kurz:

Importierte Begriffe ohne Übersetzungsdisziplin. Die deutsche Tradition (Corporate Identity als Gesamtpersönlichkeit, Corporate Design als deren sichtbarer Teil) traf auf die angelsächsische (Brand, Branding, Identity) — und beide Systeme laufen seit Jahrzehnten parallel, ohne dass jemand sie verheiratet hätte.

Jede Disziplin zieht die Begriffe zu sich. Strategieberater nennen Strategie „Branding". Designer nennen Design „Branding". Digitalagenturen nennen Websites „Brand Experience". Jeder definiert so, dass die eigene Leistung im Zentrum steht — das ist menschlich, aber für Einkäufer fatal.

Unschärfe verkauft sich. Ein Angebot über „ganzheitliches Branding" klingt nach allem und verpflichtet zu nichts. Präzision würde vergleichbar machen — und Vergleichbarkeit drückt Preise. Das Begriffs-Chaos ist kein Unfall; es ist für einen Teil des Marktes ein Geschäftsmodell.

Eine Arbeitskarte: drei Ebenen statt zwanzig Begriffe

Verbindliche Definitionen kann Ihnen niemand geben. Eine brauchbare Landkarte schon. Fast alle kursierenden Begriffe lassen sich auf drei Ebenen sortieren — nach dem Gegenstand, nicht nach dem Etikett:

EbeneDie Frage dahinterTypische ErgebnisseBegriffe, die (meist) hier landen
1. StrategieWofür stehen wir? Wen gewinnen wir? Warum uns — und nicht den Wettbewerb?Positionierung, Zielkunden-Logik, Narrativ, EntscheidungsregelnBrand Strategy, Markenstrategie, Positionierung, Corporate Branding (teils), „Branding" im präzisen Sinn
2. ErscheinungWie wird das sichtbar, hörbar, lesbar — als führbares System?Logo, Typografie, Farbwelt, Bildsprache, Tonalität, Richtlinien, NutzungsrechteCorporate Design, Brand Identity Design, Identity Design, Brand Design, Visual Identity, C.I. (im verengten Alltagsgebrauch), „Branding" im umgangssprachlichen Sinn
3. ErlebnisWie fühlt sich jeder Kontakt mit uns an — vom ersten Klick bis zur Rechnung?Touchpoint-Gestaltung, Website, Raum, Service-Momente, KommunikationBrand Experience (Design), Experience Design, Customer Experience

Und die Veränderungs-Begriffe? Rebranding, Redesign, Refresh, Markenrelaunch, Repositionierung sind allesamt Etiketten für die Erneuerung von einer oder mehreren dieser Ebenen — welche genau, sagt das Etikett nicht. Ein „Redesign" kann Ebene 2 meinen, ein „Rebranding" Ebene 1+2, ein „Markenrelaunch" alles oder nur die Kampagne dazu. (Was die Erneuerung kostet, hängt exakt davon ab — hier die Zahlen →)

Wichtig zur Einordnung dieser Karte: Auch sie ist eine Arbeitsdefinition — meine. Sie ist konsistent, praxiserprobt und deckt sich mit dem präzisen Kern der Fachliteratur (Marke = Position im Kopf des Kunden; Design = deren Übersetzung). Aber der nächste seriöse Anbieter zieht die Grenzen womöglich leicht anders. Genau deshalb folgt jetzt der wichtigste Abschnitt.

Die Konsequenz: Ohne individuelle Definition kein Projekt

Wenn es keinen Konsens gibt, ist jedes Angebot, das nur mit Begriffen arbeitet, uninterpretierbar. „Branding-Paket: 18.000 €" kann Ebene 1+2 in Tiefe bedeuten — oder ein Logo mit Beiwerk. Sie können es dem Etikett nicht ansehen.

Die Lösung ist keine bessere Vokabelliste, sondern eine Arbeitsregel: Zu Beginn jeder Zusammenarbeit gehört eine gemeinsame, schriftliche Definition dessen, was die verwendeten Begriffe in diesem Projekt bedeuten — Ebene für Ebene, Ergebnis für Ergebnis. Ein seriöser Anbieter liefert diese Definition ungefragt; bei mir steht sie in jedem Angebot, weil meine beiden Produkte exakt entlang der Ebenen geschnitten sind: Ebene 1 als eigenes Strategie-Produkt, Ebene 2 als Brand Foundation Sprint — mit definiertem Gegenstand und Festpreis, gerade damit kein Etikett interpretiert werden muss.

Für Ihre Anbietergespräche reichen drei Fragen, die jedes Begriffs-Nebelfeld auflösen:

  1. „Welche der drei Ebenen bearbeitet dieses Angebot — und welche ausdrücklich nicht?" Wer das nicht in zwei Sätzen beantworten kann, hat es selbst nicht entschieden.
  2. „Was liegt am Ende konkret auf dem Tisch — und funktioniert es ohne Sie weiter?" Ergebnisse statt Begriffe: Positionierungsdokument? Designsystem mit Richtlinien? Nutzungsrechte?
  3. „Was davon ist Voraussetzung für was?" Ebene 2 ohne Ebene 1 ist Gestaltung ohne Prüfkriterium — die häufigste und teuerste Verwechslung im ganzen Feld. (Warum die Reihenfolge nicht verhandelbar ist →)

Kleines Glossar für den Alltag (Arbeitsdefinitionen, keine Normen)

  • Markenstrategie / Brand Strategy: Ebene 1. Die Position, die Sie im Kopf des Kunden besetzen wollen, entscheidbar formuliert.
  • Branding: Präzise verwendet: die Arbeit an Ebene 1. Umgangssprachlich: fast immer Ebene 2. Im Zweifel: nachfragen.
  • Corporate Identity: Deutsche Tradition: die Gesamtpersönlichkeit des Unternehmens (Verhalten, Kommunikation, Erscheinung). Alltagsgebrauch: oft nur das Logo-Paket. Zwei Welten, ein Kürzel.
  • Corporate Design / Brand Identity Design / Identity Design / Brand Design / Visual Identity: Ebene 2 in verschiedenen Dialekten. Unterschiede sind Nuancen der Herkunft, nicht des Gegenstands.
  • Brand Experience (Design) / Experience Design: Ebene 3 — sofern nicht nur die Website gemeint ist. Nachfragen.
  • Corporate Branding: Meist: Markenarbeit auf Unternehmensebene (statt Produktebene). Manchmal: einfach alles. Nachfragen.
  • Rebranding / Markenrelaunch / Redesign / Refresh / Repositionierung: Erneuerungs-Etiketten ohne festen Inhalt. Die einzige seriöse Antwort auf „Was kostet ein X?" beginnt mit der Gegenfrage, welche Ebenen gemeint sind. In meiner Verwendung: Redesign und Refresh erneuern nur Ebene 2; „Rebranding" ist der Sammelbegriff — vollständig heißt es Ebene 1 und 2 plus Rollout.

Häufige Fragen

In der sauberen Lesart: Corporate Identity ist das Ganze (Identität, Verhalten, Kommunikation, Erscheinung), Corporate Design ihr sichtbarer Teil. Im Markt werden beide oft synonym fürs Designsystem verwendet. Verlassen Sie sich nicht auf die Lesart Ihres Gegenübers — fragen Sie nach dem Gegenstand.

Falsche Frage. Die richtige: Trägt Ihre Strategie (Ebene 1) noch, und trägt Ihr Erscheinungssystem (Ebene 2) noch? Daraus ergibt sich der Umfang — wie auch immer man ihn dann nennt. Eine Diagnose klärt das in Wochen, nicht Monaten; und manchmal lautet das Ergebnis, dass Sie gar nichts davon brauchen.

Weil Unschärfe für einen Teil des Marktes vorteilhaft ist und keine Instanz Definitionen durchsetzen kann. Rechnen Sie nicht damit, dass sich das ändert — rechnen Sie mit Anbietern, die ihre Begriffe selbst definieren, schriftlich.

← Alle Beiträge