Interim & Markenführung

Die ersten 90 Tage eines Interim Head of Brand

Ein Interim-Mandat hat keinen Welpenschutz. Es gibt kein Einarbeitungsjahr, keine 100-Tage-Schonfrist — die Rolle wird gekauft, weil sie ab Tag eins wirkt. Wie das konkret aussieht, zeigt dieser Artikel am Ablauf der ersten 90 Tage. Nicht als Werbeversprechen, sondern als Arbeitsplan — inklusive des Abschnitts, den Hochglanz-Darstellungen weglassen: was in 90 Tagen realistisch nicht zu schaffen ist.

Tage 1–30: Diagnose und Blutstillung

Die Bestandsaufnahme. Alle markenrelevanten Touchpoints auf den Tisch: Website, Vertriebsunterlagen, Messematerial, Anzeigen, Vorlagen, Social-Profile, laufende Agenturaufträge. Dazu Gespräche mit Geschäftsführung, Vertrieb und den Menschen, die täglich mit der Marke arbeiten. Die Leitfragen sind immer dieselben: Wo verkauft der Auftritt unter Wert? Wo widerspricht er sich? Wer entscheidet derzeit was — und wer eigentlich nicht?

Die Blutstillung. Parallel zur Analyse werden die teuersten laufenden Lecks geschlossen: Briefings, die gerade ohne Linie rausgehen, werden gestoppt oder nachgeschärft. Freigaben, die sich stauen, werden entschieden. Dienstleister bekommen einen Ansprechpartner, der antwortet. Das ist unspektakulär — und es ist der Punkt, an dem die Organisation merkt, dass die Funktion wieder besetzt ist.

Das Ergebnis nach 30 Tagen: eine nüchterne Standortbestimmung vor der Geschäftsführung. Was trägt, was nicht, was zuerst. Keine 80 Folien — eine Seite Diagnose, eine Seite Plan, entscheidbar formuliert.

Tage 31–60: Die Linie etablieren

Entscheidungsregeln statt Einzelfälle. Der teuerste Zustand einer geführten Marke ist der, in dem jede Gestaltungsfrage neu diskutiert wird. Deshalb entstehen jetzt die Regeln, die künftige Entscheidungen vorwegnehmen: Was sagen wir über uns — in einem Satz, den auch der Vertrieb sagt? Welche Anwendungen folgen welcher Logik? Was wird ohne Rückfrage freigegeben, was nicht?

Werkzeuge, die benutzt werden. Vorlagen für die zehn häufigsten Anwendungsfälle, praxistaugliche Kurzrichtlinien statt Manual-Friedhöfen, ein Freigabeprozess mit klaren Zuständigkeiten. Der Maßstab ist nicht Vollständigkeit, sondern Benutzung: Eine Regel, die niemand anwendet, ist Dekoration.

Dienstleister-Reset. Bestehende Agentur- und Freelancer-Beziehungen werden nicht reflexhaft ausgetauscht, sondern neu gebrieft: klare Erwartung, klare Bewertungskriterien, ein Ansprechpartner. In den meisten Mandaten werden die bestehenden Partner unter neuer Führung spürbar besser — Übergaben und Korrekturschleifen verschwinden, weil auf Kundenseite jemand präzise briefen und souverän abnehmen kann.

Das Ergebnis nach 60 Tagen: Die Organisation erlebt zum ersten Mal seit Langem eine Linie. Nicht, weil alle plötzlich Markenexperten wären — sondern weil jemand die Instanz ist.

Tage 61–90: Führbarkeit herstellen

Ein Interim-Mandat, das Abhängigkeit erzeugt, hat sein Ziel verfehlt. Deshalb gehört in den dritten Monat das, was viele Mandate auslassen: die Struktur, die ohne den Interim Manager funktioniert.

Verankerung. Zuständigkeiten werden Personen zugeordnet, nicht der externen Rolle. Wer intern Potenzial für Markenverantwortung hat, bekommt sie schrittweise — mit Sparring statt Kontrolle.

Messgrößen. Woran erkennt die Geschäftsführung künftig, ob die Marke geführt wird? Konsistenz-Stichproben, Durchlaufzeiten von Freigaben, Wiederverwendungsquote der Vorlagen — unspektakuläre Größen, die den Unterschied zwischen geführt und verwaltet sichtbar machen.

Die Weichenstellung. Nach 90 Tagen liegt eine belastbare Antwort auf die Strukturfrage vor: Braucht diese Organisation eine feste Marketingleitung (dann inklusive Anforderungsprofil und auf Wunsch Unterstützung bei der Auswahl)? Reicht dauerhaft eine Markenpartnerschaft mit wenigen Senior-Tagen pro Monat? Oder war die Lücke ein Projekt in Verkleidung — etwa ein fehlendes Erscheinungssystem, das besser als definiertes Projekt mit Festpreis gelöst wird, oder eine offene Positionierung, die zuerst Strategiearbeit braucht?

Was in 90 Tagen NICHT passiert

  • Kein vollständiges Rebranding. Diagnose und Führung: ja. Ein neues Markenfundament ist ein eigenes Projekt mit eigenem Format und eigenem Preis — die Vermengung von Mandat und Projekt ist einer der häufigsten und teuersten Fehler in dieser Konstellation.
  • Keine Kulturtransformation. Ein Interim Manager verändert Strukturen und Entscheidungen. Wie eine Organisation über sich selbst denkt, verändert sich in Jahren, nicht Quartalen — wer anderes verspricht, verkauft Folien.
  • Keine Wunder gegen Strukturentscheidungen. Wenn die Geschäftsführung die Marke nicht abgeben will, kann kein Externer sie führen. Diese Bedingung wird deshalb vor dem Mandat geklärt, nicht in Monat zwei.

Häufige Fragen

Ein Mandat läuft mit zwei bis fünf Tagen pro Woche — die 90 Tage sind ein Vollprogramm, keine Nebenbei-Betreuung: Diagnose, Blutstillung, System und Verankerung brauchen Präsenz. Was das kostet, steht hier →

Beides, nach Wirkung sortiert: Präsenz für Entscheidungstermine, Werksbesuche und Teamformate; Remote für alles, was Präsenz nur teurer, nicht besser macht.

Eine von drei Weichen: geordnete Übergabe an eine Festbesetzung, Fortführung als Markenpartnerschaft (festes Monatskontingent statt Tagessatz), oder Abschluss — weil die Struktur steht. Alle drei sind gute Ausgänge; nur der vierte wäre schlecht: unklare Verlängerung aus Gewohnheit.

Erfahrungsgemäß mit Erleichterung — nach kurzer, gesunder Skepsis. Die meisten Teams leiden unter dem Vakuum mehr als unter jeder denkbaren Besetzung: Endlich antwortet jemand, endlich gelten Entscheidungen. Zwei Dinge entscheiden über die Akzeptanz: dass die Rolle von der Geschäftsführung sichtbar mandatiert ist, und dass der Interim Manager in den ersten Wochen zuhört, bevor er umbaut — genau deshalb beginnt das Mandat mit Diagnose, nicht mit Dekreten.

Drei Dinge, alle vor Tag 1 zu klären: Zugriff (Materialien, Systeme, laufende Verträge), ein sichtbares Mandat (eine kurze interne Ankündigung der Geschäftsführung mit Rolle und Befugnissen) und eine erreichbare Entscheidungsinstanz für die Fälle, die das Mandat übersteigen. Fehlt eines davon, verlängert sich die Diagnosephase — bezahlt wird die Verzögerung in Tagen.

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